Ethik als Schulfach?

von Iulia Petuhov

Viele Menschen wünschen sich eine bessere Gesellschaft – eine Welt, in der jeder Mensch in einem unterstützenden Umfeld aufwächst und sich frei entwickeln kann. Besonders Kinder, die zukünftigen Erwachsenen, benötigen Orientierung: Sie müssen lernen, wie man respektvoll miteinander umgeht, wie man Konflikte löst und wie man Entscheidungen trifft, die nicht nur dem eigenen Vorteil dienen, sondern der Gemeinschaft insgesamt.

Damit sie später verantwortungsvolle Rollen in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft oder im sozialen Umfeld übernehmen können, brauchen sie Werte, die ihnen als Kompass dienen. Eine Gesellschaft kann nur dann funktionieren, wenn ihre Mitglieder bereit sind, Rücksicht aufeinander zu nehmen und gemeinsam Verantwortung zu tragen. Ein zentraler Bestandteil dieser Grundlage ist die Ethik.

Diese Überlegungen führen zu einer entscheidenden Frage: Sollten die Grundlagen der Ethik in der Schule unterrichtet werden? Würde das unsere Gesellschaft verbessern oder könnte es sogar das Gegenteil bewirken?

Ethik beschreibt moralische Prinzipien, die unser Verhalten in schwierigen oder ambivalenten Situationen leiten. Doch wenn von „Grundlagen der Ethik“ die Rede ist, meint man damit nicht komplexe philosophische Theorien, sondern einfache Werte wie Respekt, Gewaltfreiheit, Fairness, Empathie und Verantwortungsbewusstsein. Es wäre unrealistisch, von Kindern zu erwarten, dass sie philosophische Modelle verstehen. Stellt euch nicht vor, dass Kant selbst vor einer Klasse voll mit sechs-jährigen die deontologische Ethik erklärt. Nicht einmal alle Erwachsenen können solche Theorien nachvollziehen. Aber deren Grundgedanken können sich sehr leicht vereinfacht vermitteln lassen.

Illustratorin: Miruna Lazar

Meistens ist die Familie der Ort, an dem Kinder Ethik und Moral erlernen sollen. Doch in der Realität haben viele Eltern nicht genügend Zeit oder sind selbst unsicher, welche Werte sie vermitteln sollen. Manche sehen diesen Bereich nicht als Priorität. Dadurch fehlt vielen Kindern ein stabiles moralisches Fundament, und sie entwickeln Schwierigkeiten im Umgang mit Konflikten oder Verantwortung. Da die Schule ein zentraler Bestandteil der Erziehung ist, liegt es nahe, dort zusätzlich zu Mathematik, Naturwissenschaften oder Geschichte auch ethische Grundlagen zu vermitteln. Doch an diesem Punkt wird häufig ein Einwand erhoben: Ist es überhaupt ethisch, Kindern Ethik vorzuschreiben? Denn moralische Überzeugungen aufzuzwingen, wirkt auf den ersten Blick manipulativ. Man könnte leicht behaupten, Ethik sei subjektiv und jede Person habe ihre eigenen Vorstellungen von richtig und falsch. Die Meinungen hierzu gehen auseinander. Die einen sagen: „Lehren ist nicht gleich Überzeugen, es geht um Bewusstsein, nicht um Manipulation.“ Die anderen entgegnen: „Diese ‚Bewusstmachung‘ ist nur ein anderes Wort für Beeinflussung. In Wahrheit werden Kinder ideologisch geformt.“

Doch dieses scheinbare Paradox verliert an Kraft, wenn man auf Länder blickt, die bereits Erfahrung mit Ethikunterricht haben. In Deutschland beispielsweise gehört der Ethikunterricht in vielen Bundesländern seit Jahren zum regulären Curriculum. Der Bildungsplan sieht vor, dass Schülerinnen und Schüler lernen, über moralische Fragen nachzudenken, verschiedene Perspektiven zu verstehen und eigene Argumente zu formulieren. Es geht nicht darum, eine bestimmte Meinung vorzugeben, sondern darum, Urteilsfähigkeit, kritisches Denken und Wertebewusstsein zu fördern. Die Grundlage hier bilden die Werte, die in der demokratischen Kultur verankert sind: Menschenwürde, Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Solidarität. Ein solcher Unterricht basiert also nicht auf zufälligen oder subjektiven moralischen Vorstellungen einzelner Lehrer, sondern auf demokratischen, allgemein anerkannten Prinzipien, die zum Fundament des Staates gehören.

Dies zeigt sich auch in Rumänien, wo Fächer wie Educație Socială auf den Lehrplänen stehen. Diese Fächer vermitteln Inhalte wie Menschenrechte, demokratische Teilhabe und gesellschaftliche Verantwortung. Auch hier ist das Ziel klar: Kinder sollen zu mündigen, verantwortungsbewussten Bürgerinnen und Bürgern heranwachsen, die die demokratische Ordnung verstehen und schützen können. Ein wichtiger Punkt ist außerdem, dass viele Grundsätze der Ethik universellen moralischen Regeln entsprechen, die in religiösen, kulturellen oder juristischen Kontexten erscheinen – zum Beispiel in den 10 Geboten, in den Menschenrechten oder eben in der Verfassung. Werte wie „Du sollst nicht stehlen“, „Du sollst nicht töten“, „Alle Menschen sind gleich viel wert“ oder „Jeder hat das Recht auf Freiheit“ sind gemeinsamer kultureller Besitz und keine subjektiven Ideologien. Ethikunterricht würde also nicht etwas völlig Neues einführen, sondern vor allem das systematisieren, erklären und erörtern, was in unserer demokratischen Gesellschaft ohnehin als Grundlage gilt.

Jedoch bleibt die Frage: Wie kann man Ethik unterrichten, ohne Kinder zu manipulieren? Die Diskussion ist komplex und die Fragen sind vielfältig: Wer entscheidet, was moralisch richtig oder falsch ist? Wie viel Ethik kann man lehren, ohne zu indoktrinieren? Wo ist die Grenze zwischen Bildung und Beeinflussung? Und vor allem: Welche Verantwortung hat ein demokratischer Staat bei der Erziehung seiner Kinder?

Diese Fragen verdienen in jeder Gesellschaft eine Diskussion und das ganze Spektrum der möglichen Antworten. Einen sicheren Rahmen dafür könnte der Ethikunterricht bieten. Was glaubst du?

28.11.2025

Nach oben scrollen