Dialog über Zukunft und Identität: Innenministeriumsdelegation an unsere Schule
Autorinnen: Irina Avram-Popa und Maria Mandachescu
Am Donnerstag, dem 20. November 2025, besuchte eine offizielle Delegation des Bundesinnenministeriums unter Leitung von Dr. Bernd Fabritius, dem Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, unsere Schule. Um etwa 14:00 Uhr trafen sich Vertreterinnen und Vertreter des Ministeriums mit Schulleitung, Lehrkräften sowie weiteren eingeladenen Gästen, darunter auch Schülern, im Raum R30. Ziel des Treffens war ein Austausch über schulische Entwicklungen, Herausforderungen und die Perspektiven der deutschen Minderheiten.
Die Delegation wurde von mehreren hochrangigen Persönlichkeiten aus dem Bundesinneministerium, der Deutschen Botschaft in Bukarest und verschiedener rumänischer Verbände begleitet.
Nach einer kurzen Begrüßung richtete Dr. Fabritius einige Fragen an die anwesenden Klassensprecherinnen und Klassensprecher. Besonders interessierte ihn, welche Veränderungen sich die Schülerschaft an ihrer Schule wünscht und welche Themen ihnen im Alltag besonders wichtig sind. Während des Treffens wurden Getränke und kleine Snacks bereitgestellt, sodass die Gesprächsatmosphäre angenehm und offen blieb.
Nachdem die anwesenden Gesprächsteilnehmer kurz Zeit hatten, um sich kennenzulernen und sich miteinander zu unterhalten, bat Herr Robert Schwartz – der ehemalige Schulleiter des Goethe-Kollegs – um Aufmerksamkeit. Es folgte eine Präsentation über ein neues Projekt, welches den Namen „2000+“ trägt: Angefangen habe alles mit der Wiederentdeckung der ehemaligen Schülerzeitung „Revista 2000“, welche zwischen den 1960er und 1980er Jahren an unserer Schule tätig war. Diese soll in Zukunft von einem neuen Redaktionsteam wiederbelebt und unter dem Namen „2000+“ in neuen Ausgaben veröffentlicht werden. Das hauptsächliche Ziel des Projekts bestehe darin, die Kooperation der deutschen Schulen aus dem ganzen Land zu fördern und die langfristige Bewahrung der deutschen Kultur in Rumänien zu ermöglichen.
Gleich darauf wurde den Gästen ein Video gezeigt, das durch die Kooperation von mehreren deutschen Schulen aus verschiedenen Regionen Rumäniens entstand und die Geschichte jeder Schule in je einer Minute wiedergeben sollte: Jugendliche verschiedener Altersgruppen erzählten kurz über die deutsche Tradition an den Schulen Samuel-von-Brukenthal (Hermannstadt), Johannes-Honterus (Kronstadt), Nikolaus-Lenau (Temeswar) und, natürlich, an unserem Goethe-Kolleg. Eine zukünftige Zielsetzung des Projekts sei dessen Verbreitung durch die Einbeziehung mehrerer deutscher Schulen, welche sich Robert Schwartz durch die Unterstützung des Bundesinnenministeriums erhofft.
Nachdem Herr Schwartz seinen Vortrag beendete, stellte Herr Wulff die Jubiläumsfestschrift vor, die er zusammen mit dem Leiter der Deutschen Spezialabteilung in Temeswar, Frank Lembke, herausgegeben hat. Darin finden sich Erinnerungen an die mehr als 30jährige Geschichte der Deutschen Spezialabteilungen in Rumänien. Allen Anwesenden wurden je eine Ausgabe des Buches und eine Ausgabe der Zeitschrift „2000+“ zur Verfügung gestellt.
Zum Abschluss bedankten sich Schuldirektor Sebastian Stoica, Herr Schwartz und Herr Wulff bei den Gästen und die Veranstaltung kam allmählich zum Ende, da Herr Dr. Fabritius für einen weiteren Empfang im Goethe-Institut erwartet wurde.
Während des Treffens hatten wir als Redaktion zudem die Gelegenheit, Dr. Bernd Fabritius einige Fragen zu stellen.
Wir wollten mehr darüber erfahren, welche Aufgaben er als Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten hat und was für ihn persönlich „gute Integration“ bedeutet, ein Thema, das im Gespräch immer wieder aufgegriffen wurde.
Auf unsere erste Frage erklärte Dr. Fabritius, dass sein Aufgabenbereich drei große Themenfelder umfasst:
Erstens betreut er die Belange der deutschen Vertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler, Menschen, die nach 1945 aus verschiedenen Regionen Mittel- und Osteuropas nach Deutschland vertrieben wurden oder geflohen sind, oft unter schwierigsten politischen Bedingungen (wie etwa zur Zeit Ceaușescus). Dabei gehe es vor allem darum, ihre Kultur, Sprache und Traditionen zu bewahren.
Zweitens kümmert er sich um die nationalen Minderheiten in Deutschland, die Sorben, Dänen, Friesen sowie Sinti und Roma und die Sprecherinnen und Sprecher der Regionalsprache Niederdeutsch.
Der dritte Aufgabenbereich betrifft die deutschen Minderheiten im Ausland, etwa in Rumänien, Polen oder Kasachstan. Hier arbeitet Dr. Fabritius eng mit dem Europarat zusammen, um z.B. die kulturelle Identität dieser Gemeinschaften zu stärken und ihre eigenen Sprachen und Mundarten (wie zum Beispiel Schlesisch oder Siebenbürgisch-Sächsisch) zu fördern.
Auf unsere zweite Frage, was für ihn „gute Integration“ bedeutet, antwortete Dr. Fabritius, dass Integration dann gelungen sei, wenn Menschen in einer Gesellschaft so leben könnten, als würden sie selbstverständlich dazugehören, ohne ihre eigene Kultur aufgeben zu müssen. Assimilation hingegen sei nicht das Ziel. Er berichtete außerdem von seiner eigenen Erfahrung: 1984 wanderte er aus Rumänien nach Deutschland aus, nachdem er in Hermannstadt das Brukenthal-Gymnasium absolviert hatte. Dort habe es eine eigene „Schüler-Subkultur“ gegeben, geprägt von Sprache und Traditionen, die gezielt nur im Brukenthal-Gymnasium unter Schülern benutzt wurden.
Daraufhin wurde Dr. Fabritius die Frage gestellt, wie er denn die aktuelle Lage in Deutschland aus diesem Gesichtspunkt wahrnimmt: Werden die Zuwanderungsgruppen eher unterdrückt und gezwungen, ihre eigene Kultur aufzugeben und sich an die deutsche Kultur anzupassen, oder wird die Bewahrung ihrer kulturellen Identität unterstützt? Dr. Fabritius antwortete, dass man alles dafür tue, um die eigene kulturelle Identität dieser Menschen bei guter Integration in Deutschland zu fördern. Zum Beispiel gebe es in München eine griechische Kommunität, die oftmals Straßenfeste veranstaltet, wo auch die Einheimischen immer wieder gerne hingehen. Auch die Rumänen – die übrigens zurzeit die größte Zuwanderungsgruppe in Deutschland seien – behalten etwa ihr traditionelles Essen und Bräuche. So verhalte es sich auch mit vielen anderen Kulturen; es gebe also in dieser Hinsicht keine Probleme, solange sich die Einwanderer nicht gegen die grundlegenden gesellschaftlichen Werte Deutschlands (z.B. Gleichheit von Mann und Frau, Kinderschutz usw.) richten. Die kulturelle Vielfalt werde in Deutschland folglich auf jeden Fall gefördert, das deutsche Grundgesetz solle dabei aber natürlich auch berücksichtigt werden.
Zum Schluss gab uns Herr Dr. Fabritius den Ratschlag: “Bleibt frech und fordernd!“.
Diese Einstellung würde uns dazu motivieren, unsere Ideen und Meinungen zu äußern, um aktiv an der Gestaltung unserer Zukunft mitzuwirken.

