Geliebt, gehasst, gefeiert: Die Geschichte der Manele

Autor: Alexandru Obiziuc

Als die Weltband Coldplay im Sommer 2024 in Bukarest spielte, passierte etwas Unerwartetes: Ein junger Manele-Sänger betrat die Bühne und das Stadion explodierte in heftigen Buhrufen. Dieser Moment zeigte perfekt, dass Manele in Rumänien weit mehr als nur Musik sind. Sie sind ein gesellschaftliches Minenfeld. Dieser Artikel versucht, dieses Phänomen historisch zu verorten, seinen Verlauf zu erklären und die aktuellen Kontroversen darzustellen.

Historische Wurzeln und die osmanische Ära

Die Herkunft der Manele ist eng mit dem Osmanischen Reich verbunden. Der Begriff „Manele“ stammt aus dem Türkischen „Mâni“, das ein kurzes, traditionelles Volkslied bezeichnet. Die ersten Manele waren schon in ihren Anfängen ein völlig lyrisches Musikgenre und wurden während der Phanariotenherrschaft nach Rumänien gebracht. Die Phanariotenzeit war die Periode im 18. und 19. Jahrhundert, in dem die rumänischen Fürstentümer Moldau und Walachei vom Osmanischen Reich de facto regiert wurden. Sie wurden damals aber nur bei exklusiven Partys der Großgrundbesitzer (des rumänischen Adels) gesungen.

Vom Kommunismus zur Transition

Im Kommunismus waren Manele aufgrund der Zensur sehr anders als heute. In dieser Ära war alles vom Staat gelenkt und entschieden, inklusive des Textes eines Liedes. Unter diesen Umständen fanden die Manele ihren eigentlichen Platz nicht. Mit dem Sturz von Ceaușescu und der darauffolgenden Revolution liberalisierte sich neben dem Wirtschaftsmodell des Landes jedoch auch die Musikindustrie komplett.

Der Künstler Dan Armeanca revolutionierte die Manele. Er ließ sich sowohl vom „Turbofolk“ aus dem benachbarten Jugoslawien (einem Musikstil, der traditionelle Volksmusik mit modernen Pop- und Dance-Elementen verbindet) als auch von orientalischer Musik aus Ägypten und dem Irak inspirieren. Er ersetzte traditionelle Musikinstrumente wie das Hackbrett (Zimbel) durch elektronische Rhythmen. So wurden Manele vom Archaischen in die Moderne gebracht. Viele meinen, dass Dan Armeanca der Vater der modernen Manele sei. Nicolae Guță und Florin Salam trugen ebenfalls massiv zur Popularisierung dieses neuen Stils bei.

In der Periode der Transition sind Millionen von Rumänen ins Ausland ausgewandert, sodass auch Manele über Auswanderung entstanden sind, die das tiefe Trauma der Familientrennung aufgrund der Massenmigration widerspiegelten. Das zeigt, dass dieses Genre wie ein Spiegel der gesellschaftlichen Realität funktioniert.

Ein weiteres interessantes Detail dieser Epoche ist, dass diese Musik im Radio oder Fernsehen komplett ignoriert wurde. Sie verbreitete sich stattdessen massenhaft über raubkopierte Audiokassetten, die auf Märkten und Flohmärkten verkauft wurden.

Das aktuelle Phänomen und die Merkmale moderner Manele

Der tanzbare und energiegeladene Charakter der Manele-Musik macht sie auf Partys besonders attraktiv. Die Songs sind genau darauf ausgelegt, schnelle Reaktionen wie Tanzen und lautes Mitsingen hervorzurufen. Begleitet wird das Ganze oft von einem spezifischen Balkan-Vibe mit orientalischen Einflüssen, der die Emotionen erst richtig verstärkt. Interessant ist aber, wie sich die Themen verändert haben: Während anfangs der einfache Mensch und die Liebe im Mittelpunkt standen, liegt der Fokus heute oft auf monetären Aspekten („Ich verdiene Geld auch im Himalaja“), Frauen („Du bist brünett und kokett,“ oder „Die Fee der Feen“), Feinden („Wenn ich in die Ukraine einmarschiere, kehren die Russen nach Moskau zurück“) oder unerfüllter Liebe, auch Trauermanele genannt („Solange du in der Traumwelt existierst, verbleibe ich dort und verzichte aufs Aufwachen“).

Eine riesige Rolle spielen dabei Hochzeiten und die traditionelle Dynamik. Bei solchen Live-Veranstaltungen verdienen die Künstler am meisten, indem sie ihre Texte ganz spontan an die Person anpassen, die vor ihnen steht und die meistens auch Geld für diese Musikwünsche ausgibt. Hierbei spielen die sogenannten Live-Widmungen („Dedicații“) eine zentrale Rolle: Das Publikum zahlt den Sängern Bargeld, damit diese ihre Namen laut rufen und sie loben. Das zeigt, dass diese Künstler nicht über sich selbst singen, sondern über denjenigen oder diejenige, die ihnen direkt gegenübersitzt. Man kann auch behaupten, dass sie nur mit dem „Material des Kunden“ arbeiten.

Durch diese Eigenschaften wurden Manele zum populärsten Musikstil in Rumänien und sogar zu einem echten internationalen Phänomen. Ein perfektes Beispiel dafür ist das Lied „Made in Romania“, das mit fast 180 Millionen gesammelten Aufrufen für ein friedliches Zusammenleben der Volksgruppen plädiert. Sogar die britische BBC hat mit „The New Gypsy Kings“ eine eigene Dokumentation über dieses Phänomen gedreht.

Gesellschaftliche Auswirkungen, Debatten und aktuelle Kontroversen

Abgesehen von der Politik gibt es in der rumänischen Gesellschaft kaum ein anderes Thema, das so kontrovers diskutiert wird wie Manele. Die sogenannten „Eliten“ kritisieren diesen Musikstil heftig. Die Mentalität nach dem Motto „Ich bin klug, weil ich keine Manele höre“ ist eine Aussage, die man sehr oft hört, obwohl sie eigentlich ziemlich oberflächlich ist. Natürlich sagt der Musikgeschmack absolut nichts über die intellektuellen Fähigkeiten eines Menschen aus. Viele dieser Kritiker nutzen den kulturellen Elitismus nur als Deckmantel für rassistische Untertöne. Dazu kommt auch die Tatsache, dass die rumänische Bevölkerung deutliche antiziganistische Vorurteile besitzt.

Genau dieses Zusammenspiel aus Vorurteilen und sozialem Elitismus manifestierte sich, wie am Anfang erwähnt, bei dem Konzert in Bukarest und löste eine riesige, landesweite Diskussion aus.

Natürlich gibt es auch rein ästhetische Gründe, warum man Manele nicht mag. Die Improvisationen, die orientalischen Melodien und der Einsatz von elektronischen Klangerzeugern passen einfach nicht zum Geschmack mancher Menschen. Und das ist vollkommen in Ordnung.

Auf der anderen Seite zieht das moderne Genre heftige Kritik wegen der Objektivierung und Herabwürdigung von Frauen auf sich. Dani Mocanu hat beispielsweise Songs, die das Thema behandeln, gerade erst erwachsen gewordene junge Frauen in Länder wie Spanien zu schicken, um sie in die Prostitution zu zwingen. Es gibt jedoch auch Reaktionen der Ablehnung aus dem eigenen Publikum gegenüber bestimmten Entgleisungen. Ein Beispiel dafür ist der öffentliche Skandal, der ausbrach, als „Tzancă der Hurrikan“ in einem Podcast zugab, seine Frau gelegentlich zu schlagen. Manche Leute haben sich wegen seiner Misogynie dazu entschieden, seine Musik zu boykottieren.

Und nun?

Meiner Meinung nach haben wir keinen Grund, zu verallgemeinern und den Wert eines so populären Musikgenres abzuerkennen. Wie in jedem anderen Musikstil gibt es Manele-Stücke, die weniger gelungen sind, und manche Sänger, die eine komplett irrige Weltanschauung haben. Es gibt dafür aber auch sehr begabte und interessante Sänger und vor allem Songs, bei denen es absolut unmöglich ist, nicht zu tanzen. Zumindest bis zum nächsten Coldplay-Konzert.

29.5.26

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