Rede anlässlich der Verleihung der Abiturzeugnisse am 26.06.2026
von Elmar Wulff (Leiter der Abteilung)
Verehrte Gäste, liebe Absolventinnen und Absolventen.
Die Überreichung der Abiturzeugnisse ist eine Gelegenheit, die oft dazu genutzt wird, um über Bildung zu sprechen. Bitte erlauben Sie mir, heute überraschenderweise über etwas anderes zu sprechen: Über die Dummheit.
Wenn wir uns in der Welt umschauen, können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, von Dummheit umgeben zu sein. Der Dichter Henrik Ibsen lässt es eine seiner Figuren im Drama „Ein Volksfeind“ so formulieren: „Woraus besteht denn in einem Lande die Mehrheit der Bewohner? Aus den klugen Leuten oder aus den dummen? Wir sind, denke ich, uns wohl einig, dass die Dummen in geradezu überwältigender Majorität rings auf der weiten Erde vorhanden sind.“
Und sicherlich erwarten Sie jetzt von mir, dass ich gewissermaßen in einem Akt der Selbstbestätigung sowohl mir als auch allen hier im Raum Anwesenden zusichere, dass wir natürlich zur Minderheit der Klugen gehören. Unsere Absolventinnen und Absolventen bekommen doch in wenigen Minuten sogar in schriftlicher Form, auch von mir unterschrieben, die Bestätigung ihrer Klugheit.
Nun, es liegt mir fern, das Gegenteil zu behaupten. Dennoch müssen wir uns zunächst ein Problem bewusst machen, das den wunderschönen Namen „Dunning-Kruger-Effekt“ trägt. Dieser Effekt beschreibt die Neigung von Menschen mit geringem Fachwissen, ihre eigenen Fähigkeiten maßlos zu überschätzen und ihre eigene Inkompetenz nicht zu erkennen. Einfacher gesagt: Der Dumme merkt nicht, dass er dumm ist. Weshalb solche Menschen denn auch häufig mit besonders großem Selbstbewusstsein bzw. Selbstüberschätzung auftreten und die unfassbarsten Dummheiten mit dem größten Stolz verkünden.
Welch größeres Zeichen von Selbstüberschätzung könnte es aber geben, als sich an ein Mikrofon zu stellen und eine Rede über die Dummheit anderer zu halten?
Um dieses Problem zu umgehen, bitte ich Sie deshalb um einen Vertrauensvorschuss. Bitte setzen Sie einfach mal voraus, dass ich klug genug bin, um über Dummheit zu sprechen. Ebenso setze ich voraus, dass Sie klug genug sind, meinen Worten zu folgen, denn sonst könnte ich mir diese Rede ja auch sparen.
Und zugleich sollten wir gemeinsam in Betracht ziehen, dass es eine – wenn auch geringe – Möglichkeit gibt, dass wir selbst bisweilen die ein oder andere Dummheit begangen haben oder begehen. Ja, es ist klug, an seiner eigenen Klugheit zu zweifeln.
Was aber meine ich, wenn ich von Dummheit spreche? Allgemein könnte man sagen, Dummheit bezeichnet einen Mangel an Urteilsvermögen oder Vernunft, also die Unfähigkeit, aus Wissen und Erfahrungen kluge Schlüsse zu ziehen. Die Folge sind Ignoranz und Handlungen mit schlechten Konsequenzen.
Wir sollten uns also merken: Dummheit ist nicht gleichzusetzen mit wenig Bildung oder wenig Wissen. Dummheit äußert sich vielmehr in schädlichen Handlungen oder Äußerungen, obwohl das Wissen verfügbar gewesen wäre, um klüger zu handeln. Oder, wie Forrest Gump es im gleichnamigen Film ganz einfach ausdrückt: „Dumm ist der, der Dummes tut.“ („Stupid is as stupid does.“)
Ein Beispiel: Es gibt zwei interessante, widersprüchliche Korrelationen. Menschen mit einem höheren Bildungsniveau verfügen nachweislich über ein größeres Bewusstsein für den Ernst des menschengemachten Klimawandels als Menschen mit weniger Bildung. Zugleich erzeugen Menschen mit einem höheren Bildungsniveau aber nachweislich auch deutlich mehr klimaschädliche Emissionen. Weil sie es sich aufgrund besser bezahlter Arbeit leisten können, klimaschädlich zu konsumieren und zu reisen.
Hier sehen wir: Man kann Dummes tun, obwohl – oder gerade weil – man zu den Menschen gehört, die gemeinhin als klug oder gebildet bezeichnet werden.
Georg Büchner hat einmal geschrieben: „Ich verachte Niemanden, am wenigsten wegen seines Verstandes oder seiner Bildung, weil es in Niemands Gewalt liegt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden (…). Ich kann Jemanden einen Dummkopf nennen, ohne ihn deshalb zu verachten; die Dummheit gehört zu den allgemeinen Eigenschaften der menschlichen Dinge.“
Wenn wir heute eure Abiturergebnisse feiern, dürft ihr zu Recht stolz auf eure Leistungen sein. Zugleich bitte ich euch und uns alle, im Sinne Georg Büchners auch ein wenig demütig zu bleiben. Unsere Bildung ist kein absoluter Schutz davor, Dummheiten zu glauben oder zu begehen. Und deshalb tun wir gut daran, wie Büchner es sagt, uns nicht über Menschen zu erheben, die wir für dumm halten. Häufig ist es nur der Zufall, in welche Gesellschaft, in welche Familie, in welche sozialen Umstände wir hineingeboren wurden, der darüber entscheidet, ob wir Bildung genießen durften oder nicht.
Aber trotzdem, gerade wenn wir uns für gebildet halten, müssen wir das Phänomen Dummheit ansprechen können, ohne die Würde der Menschen zu verletzen, die in unseren Augen von diesem Phänomen betroffen sind. Das gelingt dann am besten, wenn wir uns dessen bewusst bleiben, dass wir selbst möglicherweise auch von Dummheit betroffen sind. Also von dem Phänomen, manchmal Dinge zu glauben oder zu tun, die dem allgemeinen Interesse und damit langfristig auch meist unserem eigenen Interesse schaden.
Was für Dummheiten meine ich?
Ich nehme an, wir können uns alle gemeinsam über Dummheiten erheben – und vielleicht sogar amüsieren -, wie bspw. zu glauben, die Mondlandung hätte es in Wirklichkeit nicht gegeben; die Erde sei tatsächlich eine Scheibe und Russland werde von der NATO bedroht.
Aber ich habe ja gesagt, ich möchte nicht, dass wir uns einfach gegenseitig in unserer überlegenen Klugheit bestätigen. Bitte erlauben Sie mir, zu möglicherweise kontroverseren Beispielen vorzustoßen, die ich als Dummheit bezeichnen möchte:
Ich halte es für eine Dummheit, wenn sich Menschen mit einem normalen oder guten, vielleicht auch sehr guten Einkommen in Steuerfragen für die Interessen Superreicher Multimillionäre und Milliardäre einsetzen, deren Lebenswirklichkeit für sie nicht einmal ansatzweise erreichbar oder gar vorstellbar ist – und sich gleichzeitig dafür einsetzen, dass am unteren Rand der Gesellschaft gespart und schikaniert und der Sozialstaat gestutzt wird, obwohl diese Lebenswirklichkeit nur eine Krankheit, nur eine Arbeitslosigkeit, nur eine Scheidung weit entfernt ist.
Ich halte es für eine Dummheit, das Festhalten an alten und fossil gestützten Technologien als „technologieoffen“ zu framen und damit in Wirklichkeit nicht nur dem Klima zu schaden, sondern auch unsere Abhängigkeiten von zweifelhaften Ländern fortzuschreiben, statt sich mit erneuerbaren Energien tatsächlich unabhängig und zukunftsfähig zu machen.
Ich halte es für eine Dummheit, seine Kraft in anti-woken Kulturkampf zu investieren und zu glauben, es würde irgendjemandem besser gehen, es würde irgendeinen Arbeitsplatz erhalten oder irgendeine Infrastruktur verbessern, wenn wir das Gendern verbieten oder homosexuelle Menschen wieder in die Heimlichkeit zurückdrängen.
Aber zugleich weiß ich, dass es gebildete Menschen gibt, die ich kenne, die ich aufrichtig respektiere, und mit denen ich teilweise noch letzte Woche über solche Themen gesprochen habe, die mir entgegenhalten würden, es sei eine Dummheit, gerade die Menschen immer weiter zu belasten, deren Vermögen gebraucht wird, um unsere Wirtschaft am Laufen zu halten. Es sei eine Dummheit, bewährte Technologien vorschnell aufzugeben und damit Risiken in der Energieversorgung einzugehen. Es sei eine Dummheit, sich auf gesellschaftspolitische Fragen zu fokussieren, die vergleichsweise wenige Menschen betreffen, während es viel drängendere Probleme gibt, die alle angehen.
Wenn wir jeweils immer nur darauf bestehen, dass der mit der anderen Meinung die Dummheit begeht, während wir selbst die einzigen sind, die den Durchblick haben, dann ist die Folge schon jetzt in unseren Gesellschaften klar zu sehen: Polarisierung und Spaltung. Und wir berauben uns selbst der Möglichkeit, klüger zu werden und neue Einsichten zu gewinnen, wenn wir immer und ausnahmslos davon ausgehen, dass wir Recht haben und die anderen dumm sind.
Wenn es uns ein Anliegen ist, Dummheit zu bekämpfen, und zwar sowohl die allgemeine Dummheit in unserer Gesellschaft als auch die Gefahr, selbst der ein oder anderen eigenen Dummheit zum Opfer zu fallen, dann ist Diskurs notwendig. Der Austausch gerade und vor allem zwischen denjenigen, die unterschiedliche Meinungen haben.
Aber Vorsicht: Es gibt einen Unterschied zwischen Menschen, die möglicherweise Dummheiten glauben oder begehen und mit denen wir reden können einerseits, und andererseits Menschen, die uns wissentlich und mit voller Absicht für dumm verkaufen wollen. Es gibt einen Unterschied zwischen Menschen, die extremistische Parteien wählen, und Menschen, die extremistische Parteien führen.
Diskurs setzt voraus, dass man sich an Fakten und Regeln der Wissenschaftlichkeit und Fairness hält. Wir dürfen und sollten uns gut überlegen, mit welchen dieser Menschen ein Austausch von Gedanken sinnvoll erfolgen kann – und an welche dieser Menschen wir unsere Zeit, Kraft und Empathie nur verschwenden würden.
Vielleicht können folgende Formeln uns helfen, diese Unterscheidung zu treffen:
- Je absoluter eine angebliche Wahrheit dargestellt wird, umso wahrscheinlicher ist sie in Wirklichkeit eine Dummheit.
- Je einfacher eine Lösung ist, umso wahrscheinlicher ist sie in Wirklichkeit eine Dummheit.
- Und wenn der Mensch, der diese Dummheit vertritt, zusätzlich zum Beispiel keine Belege für seine Behauptungen liefern kann, oder die offenbare Faktenlage leugnet oder fälscht, oder Korrelation als Kausalität darstellt, oder Statistiken und Wahrscheinlichkeiten durch anekdotische Erzählungen ersetzt – dann sollten wir zweimal überlegen, ob der Diskurs mit diesem Menschen hilft.
Deshalb haben wir euch in den vergangenen Jahren nicht absolute Wahrheiten beigebracht. Weil wir sie selbst gar nicht haben. Wir haben versucht, euch die Eleganz des wissenschaftlichen Arbeitens zu vermitteln, die Kraft des besseren Arguments, die Schönheit der Mathematik. Aber auch den Respekt vor der Würde des Menschen. Empathie und Verantwortungsgefühl.
Und mit dem Begriff der Verantwortung bin ich wieder bei der Dummheit.
Für Dietrich Bonhoeffer, der 1945 von den Nationalsozialisten ermordet wurde, war Dummheit kein Mangel an Intelligenz, sondern ein Mangel an Verantwortung. Positiv formuliert, ist das Übernehmen von Verantwortung eine starke Waffe gegen die Dummheit.
Diese Verantwortung hat zwei Richtungen: Die erste Richtung ist: individuelle Verantwortung. Lasst es nicht zu, dass andere das Denken für euch übernehmen. Die zweite Richtung ist: soziale Verantwortung. Hört nicht auf, euch auch für diejenigen einzusetzen, die schwächer sind als ihr.
Wenn genügend Menschen diese individuelle und soziale Verantwortung kombinieren, dann haben wir eine echte Chance. Werdet Teil dieser Widerstandsgruppe gegen Dummheit, Ignoranz und Extremismus, für eine vernunftgeleitete und menschenfreundliche Zukunft.
So, weil das eine lange Rede war, hier nochmal die Kernthesen zum mitschreiben:
- Herr Wulff hat uns Dummheit vorgeworfen – sich selbst aber auch.
- Dummheit lässt sich nur im Diskurs erkennen und bekämpfen.
- Die Werkzeuge dafür haben wir.
- Nun bleibt nur die Frage, ob wir auch die Verantwortung dafür übernehmen wollen.
Vielen Dank.

