Theater, Teamwork und Trochäus - und welcher Begriff nicht in diese Reihe passt. Ein Interview mit Elmar Wulff, Leiter der Abteilung
von Miruna Lazar und Maria Mandachescu
Gerechtigkeit, Teamwork und Urteilsvermögen sind die drei Tugenden, die sich mit der Zeit in Herrn Wulffs Denkweise als unverzichtbar erwiesen, und die er heute versucht, an seine Schüler weiterzugeben. In diesem Interview bekommen wir einen Einblick in seine Kindheit und verschiedene Erfahrungen, die die Grundlagen von lebenslangen Leidenschaften und Ideen gesetzt haben.
Über die Kindheit und Schulzeit
Herr Wulff hat seine Kindheit im „wunderschönen Sauerland“ in Nordrhein-Westfalen verbracht. Er beschreibt seine Heimat als „eine Gegend, die geprägt ist von kleinen Dörfern und kleinen Städten und viel Landschaft und Wald.“ Obwohl Herr Wulff seine Kindheit als „relativ ereignislos“ betrachtet, erinnert er sich an sein schon früh ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl; er habe sich häufig mit Lehrern gestritten, wenn er den Eindruck hatte, dass er oder andere ungerecht behandelt wurden. Deswegen sei er einmal sogar frühzeitig aus der Grundschule nach Hause gegangen. Demzufolge konnten sich die Lehrer seinen Namen schnell merken und erinnern sich sogar jetzt noch an ihn.
Von der Bühne in den Klassenraum
Herr Wulff hat frühe Erinnerungen daran, dass er sich eigentlich hätte vorstellen können, Schauspieler oder Regisseur zu werden. Zum Beispiel hat es ihm viel Spaß gemacht, Theaterstücke mit Schülerinnen und Schülern an seiner Schule in Deutschland aufzuführen. Allerdings glaubt er, dass seine Fähigkeiten begrenzt waren, und dass er deswegen kein erfolgreicher Regisseur oder Schauspieler geworden wäre. Trotzdem habe sich sein Traum durch seine ältere Tochter verwirklicht – sie studiert gerade Schauspiel und Gesang, während seine jüngere Tochter seine Begeisterung für Geschichte und soziale Gerechtigkeit teilt.
Aber wie kam es dann dazu, dass er letztendlich Lehrer wurde? Seine Leidenschaft für Deutsch und Geschichte habe Herr Wulff in der Oberstufe entdeckt, und da ihm der Kontakt mit Menschen auch sehr wichtig war, entschloss er sich dazu, diese beiden Fächer zu studieren, um anschließend Lehrer zu werden. Dabei integriert er weiterhin einige Elemente aus der Theaterkunst in seinen Unterricht (z.B. beim Vorlesen von Texten). Ebenfalls meint er, es sei an schlechten Tagen erforderlich, ein bisschen schauzuspielen, um für eine positive Stimmung zu sorgen, auch wenn er sich nicht ganz sicher ist, ob ihm das immer gleingt. Somit hat er seinen Traum doch auf eine gewisse Weise erfüllt.
Rumänien – Anpassung und Eindrücke
Als er nach Rumänien kam, befürchtete Herr Wulff, dass es ihm schwer fallen würde, sich anzupassen. Es hat sich aber sehr schnell herausgestellt, dass er im Moment das Leben in der Großstadt sehr viel angenehmer findet, als auf dem Dorf. Er schätzt vor allem den Lieferdienst und die Pünktlichkeit der Züge :). Die Leute findet er auch sehr freundlich. Allerdings könne er sich nicht vorstellen, den Rest seines Lebens hier zu verbringen, weil Bukarest leider immer noch zu viel auf Autoverkehr und zu wenig auf Barrierefreiheit setze. Auf die Frage, an welchen anderen Orten er denn ebenfalls gerne leben oder unterrichten würde, antwortete Herr Wulff, dass er sich ein Leben in Mittelost- beziehungsweise Südosteuropa gut vorstellen könnte. Die Kultur hier sei ein bisschen anders als in Deutschland, aber doch nicht so wildfremd wie zum Beispiel in Asien, sodass er sich leicht anpassen kann. „Ansonsten liebe ich Frankreich“, meint Herr Wulff. „Ich weiß nicht, ob ich dort arbeiten könnte, aber ich könnte mir sehr gut vorstellen, in Südfrankreich oder auf irgendeiner spanischen Insel meinen Lebensabend zu verbringen.“
Seine Lieblingsstadt in Rumänien bleibt bislang Hermannstadt (Sibiu), weil er findet, dass jeweils der alte und der neue Teil der Stadt keine so große Diskrepanz aufweisen wie andere rumänische Städte. Das Historische sei dort nicht so abgezirkelt vom echten Leben.
Herausforderungen als Leiter der DSA
Die größte Herausforderung sei eigentlich die Tatsache gewesen, dass Herr Wulff ungeplant Leiter wurde. Kurz vor der Pandemie wurde die Stelle frei und sie wurde ihm anvertraut, obwohl er „eigentlich innerlich darauf nicht vorbereitet war“. Deswegen sei sein erstes Leitungsjahr auch am schwierigsten gewesen, weil alles neu für ihn war. Andererseits erinnert er sich an die überwältigende Unterstützung, die er seitdem durch sein Team erfahren habe. Dann gibt es darüber hinaus auch immer wieder Überraschungen, die man im Vorhinein nicht erwartet. Allgemein ist es immer eine große Herausforderung, eine vermittelnde Position zwischen dem deutschen System und dem rumänischen System zu haben und den Schüler*innen und deren Eltern zu erklären, warum manche Regelungen anders sind und sein müssen als im rumänischen System.
Ein neues Schulsystem
Bei der Frage, was er am aktuellen Schulsystem ändern würde, meinte Herr Wulff: “Vieles.” Er ist erstmal der Meinung, die Aufteilung der Schülerinnen und Schüler finde sowohl in Rumänien als auch in Deutschland viel zu früh statt – wir müssen so schnell eine Entscheidung treffen, in welche Richtung wir uns entwickeln wollen, und eine Umorientierung wäre danach sehr schwer. Außerdem würde Herr Wulff lieber projektorientiert als fachorientiert arbeiten. Hier gab er das Beispiel des Industrialismus, was ein Thema des Faches Geschichte ist, obwohl auch andere Bereiche wie Politik, Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften wichtige Perspektiven schenken. Darüber hinaus seien die Prüfungsformate komplett von dem echten Leben getrennt: “Es geht eigentlich darum, miteinander zu leben, zu lernen und zu diskutieren, nicht um Fragen wie wann hat der gelebt und wie heißt die Formel? Und was sagt mir der Trochäus? Mir sagt ein Trochäus bis heute nichts”, erklärt er. Vor allem aber würden wir in Klausuren (oder Tezas) genau nicht die Fähigkeiten abfragen, die in der modernen Welt gefordert sind, wie Kreativität, Kooperation und Recherche, sondern genau das Gegenteil.
Star Trek und Teamgeist
Schon seit seiner Jugend ist Herr Wulff ein großer Star Trek-Fan. Sein Interessenbereich befindet sich schwerpunktmäßig in den Serien von 1987-2005, weshalb er bei der Frage, welche fiktive Figur er wäre, sich Benjamin Sisko wählte, den Kommandanten der Raumstation Deep Space Nine aus der gleichnamigen Serie. Dieser sei in einer ähnlichen Position, weil er auf dieser Station eigentlich fremd sei, immer wieder zwischen verschiedenen Kulturen vermitteln müsse und sich erst im Laufe der Zeit mehr und mehr mit seiner Aufgabe und dem Ort identifiziere. Stark geprägt hat Herrn Wulff das Arbeitsethos, das in den Serien veranschaulicht wird: das Pflichtbewusstsein seiner Aufgabe gegenüber und dass man nur als Team die komplexesten Herausforderungen meistern könne. Bei Star Trek gebe es in jeder Serie irgendwann die Situation, in der ein Kommandant sagt, er habe die beste Mannschaft, die es jemals gegeben hätte. Und das Schöne sei, dass diese Fiktion hier in der Deutschen Abteilung tatsächlich Realität sei. Er könne hier mit großer Überzeugung sagen, dass er einfach ein “Superteam” habe. Es gehe immer darum, zu versuchen, die Fähigkeiten der Leute, mit denen man zusammenarbeitet, zu fördern, herauszuholen und zusammenzufügen, sodass, so unterschiedlich die Leute auch sind, am Ende ein gemeinsamer Erfolg erzielt wird. Leitung sei wichtig, meint er, aber ohne ein hervorragendes Team vergeblich.
Blick auf die Welt – warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind
Herrn Wulffs Blick auf sich selbst und die Welt wurde maßgeblich von Michael Schmidt-Salomons Buch „Jenseits von Gut und Böse – warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind“, beeinflusst. Die Kernaussage am Ende sei, laut Herrn Wulff: „Wir können eigentlich nichts dafür, dass wir so sind, wie wir sind. Wir müssten viel entspannter mit uns selbst umgehen. Wenn wir uns nicht schuldig fühlen dafür, dass wir so sind, wie wir sind, fällt es uns leichter, die zu werden, die wir sein wollen.“
Persönliche Favoriten
Außer dem oben erwähnten Buch empfiehlt Herr Wulff Marc-Uwe Klings humorvolle, doch gleichzeitig tiefsinnige Känguru-Chroniken. Sein Lieblingsfilm ist „Casablanca“ und sein Lieblingssong ist Metallicas „Sad but True“. (Konzerte von Metallica hat er auch besucht, und zum Ausgleich hat er auch Shakira live gesehen.) Er hat auch zwei Lieblingszitate, und zwar: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ (Wittgenstein) und „Was ohne Beweis behauptet wird, kann auch ohne Beweis verworfen werden“ (Hitchens’ Rasiermesser). Unter den Fremdsprachen, die er beherrscht (Englisch, Latein, Französisch), ist die letztgenannte seine Lieblingssprache.
Ein Rat an junge Leute
Leider hat Herr Wulff eine ziemlich schwarze Sicht für die Zukunft. Er habe die Befürchtung, dass wir als Menschheit noch vielleicht 50 gute Jahre vor uns haben, und dann wär’s das. “Viele Gesellschaften driften immer mehr ab, wieder in nationalistisches, beziehungsweise rassistisches und autokratisches Gedankengut. Demokratien sind auf dem Rückmarsch, sie waren sowieso immer irgendwie nur der Ausnahmezustand. Und die Klimakrise wird dieser instabilen Welt dann den Rest geben. Aber ich wäre ja nicht Star-Trek Fan, wenn ich nicht dann doch immer auch wieder an die Utopie glauben wollen würde und trotz allem für sie arbeite.” Daher hat Herr Wulff die Bitte an uns, alles dafür zu tun, dass sowohl die universelle Gültigkeit der Menschenrechte als auch die Demokratie nicht verloren geht, und dieses Kleingeistige zu überwinden. Letztlich wünsche er sich von uns den Beweis, dass er sich mit seiner düsteren Prognose gründlich irre.

