Warum Theater für Jugendliche wichtig ist
von Sofia Stoian
Sein oder nicht sein? Theater oder nicht Theater? Warum ist diese Kunstform für junge Menschen heute wichtiger denn je?
Weil Jugendliche fühlen. Und sie fühlen intensiv. Manchmal so intensiv, dass es schwerfällt, all diese Emotionen einzuordnen oder auszuhalten. Freude, Wut, Trauer, Unsicherheit – alles ist da, oft gleichzeitig. Und hier kommt die Rolle des Theaters ins Spiel, hier zeigt sich sein wichtiger Einfluss auf das Leben, die Entwicklung und letztlich auf die Seele junger Menschen. Drama wird zum Ventil, das Unsichtbare sichtbar macht. Alles, was sich im Laufe der Zeit angesammelt hat – Gefühle, die tief im Inneren festgehalten wurden und nie durch Worte oder Gesten nach außen gelangen konnten. Vergessene Empfindungen, die im Herzen liegen und zu einer Last für die Seele geworden sind. Doch all das, was tief verborgen ist, bekommt durch das Theater die Chance, ans Licht zu treten und die Seele zu befreien.
Und wenn man viel fühlt, kann daraus etwas Schönes entstehen: Kunst, Kreativität, Ausdruck.
Theater ist kein neuer Trend. Es entstand bereits in der Antike, zu Ehren des griechischen Gottes Dionysos. Doch während sich die Welt verändert hat, ist eines gleich geblieben: Theater braucht Menschen. Menschen, die zusammenarbeiten, zusammen fühlen und zusammen leben – trotz unterschiedlicher Lebenswege, Ansichten sowie physischer und moralischer Eigenschaften – und dabei dennoch eine gemeinsame Welt erschaffen. Theater bedeutet nicht „vorspielen“, sondern „zusammenspielen“. Erst in dieser Begegnung entsteht etwas Lebendiges, das alle anderen Kunstformen vereint: das geschriebene Wort, Musik, Tanz und bildende Kunst.
Ich frage mich oft: Welchen Wert hat Theater heute, in einer Zeit von Netflix, Smartphones und ständiger Ablenkung? Ist das Ende des Theaters längst eingeläutet, seit der Entstehung des Fernsehens?
Wenn ich im Zuschauerraum sitze, spüre ich schnell den Unterschied. Ich sitze im Publikum und fühle mich nie allein. Das Handy ist aus, man hört andere atmen, wir halten gemeinsam den Atem an. Ich bin Teil des Geschehens, denn es gibt keine Distanz durch einen Bildschirm. Manchmal sprechen die Schauspieler*innen plötzlich aus dem Publikum heraus, manchmal direkt zu mir. Keine Vorstellung gleicht der anderen. Ich könnte denselben Abend mehrfach besuchen – und jedes Mal etwas Neues entdecken.
Theater passiert im Moment. Und genau das macht es so besonders.
Es erinnert uns an die Wichtigkeit der Gegenwart, an das bewusste Hier und Jetzt. Vor allem junge Menschen, die oft als Opfer der Gesellschaft, der schnellen Digitalisierung und der vielen Veränderungen gelten, vergessen manchmal, wirklich im Moment zu leben. Wirklich zu leben. Zu fühlen. Zu sehen. Zu sein. Jetzt – nicht früher, nicht später, sondern genau in diesem Augenblick.
Theater hat mir beigebracht, die Welt genauer zu betrachten. Durch das Spielen von Rollen habe ich viel über das Leben gelernt – und über mich selbst. Ich war eine unschuldige, naive Jugendliche auf der Suche nach wahrer Liebe. Ich war eine Mutter, die ihren siebenjährigen Sohn über alles liebte. Ich war eines der Opfer – aber auch eine der „Mörderinnen“ im Theaterstück Die Mausefalle von Agatha Christie. Und noch so vieles mehr: eine alte Frau, die ihren Platz in der Welt nicht mehr findet und sich an eine vergangene Jugendliebe erinnert. Dieser Mann hat inzwischen eine Frau, ein Zuhause – und trotzdem scheint es, als würde ein Teil von ihm sie noch immer lieben.
All diese Rollen, all diese Figuren, haben mir geholfen, mich selbst besser zu verstehen, aber auch den Geist der Menschheit. So viele Lebenswege, so viele Seelen, so viele missverstandene Herzen – und doch werden sie, wenn sie auf der Bühne zum Leben erwachen, von den Schauspieler*innen und sogar vom Publikum verstanden. Selbst wenn diese Verletzlichkeit nur für einen kurzen Moment spürbar ist.
Ein weiterer zentraler Aspekt des Theaters ist Empathie. Um eine Rolle zu spielen, reicht es nicht, den Text auswendig zu können. Man muss verstehen, warum eine Figur so handelt, wie sie handelt. Jugendliche erhalten häufig ein Skript, das nur aus Dialogen besteht. Die Geschichte dahinter muss jeder selbst entwickeln, denn jede Figur hat ihre eigene Entwicklung bis zu dem Moment, in dem wir sie auf der Bühne sehen.
Jede Figur hat eine Kindheit, Erinnerungen und Erlebnisse, die sie geprägt haben. Sie sind wie echte Menschen – voller Stärken, Schwächen, Hoffnungen und Ängste. Jede Figur trägt ihre Vergangenheit in sich, ihre kleinen Freuden und großen Verluste. So wie wir Menschen durch unsere Erfahrungen geformt werden – durch Freunde aus der Kindheit, durch erste Male, durch Orte, an denen wir gewachsen sind. Gerade diese Tiefe macht Theater so besonders: Es erlaubt uns, in das Leben anderer einzutauchen, ihre Gefühle zu spüren und manchmal sogar etwas von uns selbst in ihnen wiederzufinden. Auf diese Weise eröffnet Theater neue Sichtweisen und zeigt, dass es verschiedene Wahrnehmungen der Wirklichkeit gibt – und dass diese nebeneinander existieren dürfen.
Man verlässt eine Vorstellung nicht mehr ganz als dieselbe Person wie zuvor, sondern als jemand, der ein kleines Stück gewachsen ist.
„Spielen, um zu fühlen – nicht um zu beeindrucken.“ Theater bedeutet mir viel, weil es mich fühlen lässt: davor, währenddessen und danach.
Bevor ich die Bühne betrete, stehe ich umgeben von all den Jugendlichen – jeder voller Träume und wirbelnder Emotionen. Sie flüstern, lachen, manche weinen leise. Und dennoch spüre ich etwas, das uns alle verbindet: Wir leben. Wir sind junge Menschen, die träumen, hoffen und sich wünschen, dass das Publikum lacht, dass es mitfühlt. Mitfühlt. Und doch, tief in der dunkelsten Ecke der Seele, freuen wir uns auf diesen einzigartigen Moment, den wir niemals vergessen werden.
Die Liebe zum Theater verändert ein Leben – im besten Sinne. Vielleicht merkt man es nicht sofort, aber sie bleibt. Egal, welchen Beruf man später wählt oder welchen Weg man geht: Für einen Moment war das Theater Teil des eigenen Lebens.
Ich erinnere mich an Tage, an denen wir jeden Tag für unser Theaterstück geprobt haben. Stundenlang spielten wir Szenen, verbesserten Dialoge, Bewegungen, jede Grimasse. Wir wiederholten alles immer wieder, bis es perfekt wirkte – und trotzdem lebendig blieb.
Nach diesen langen Proben ging ich nach Hause, und plötzlich erschien mir die ganze Welt wie ein Theaterstück. Die Menschen in der U-Bahn – manche lachend mit ihren Freunden, andere müde nach der Arbeit – alles wirkte inszeniert, als würden sie eine Rolle spielen, ohne es zu merken.
Zu Hause aß ich mit meiner Familie und betrachtete alles mit einer neuen Perspektive. Ich hörte die Worte meiner Mutter, das Lachen meiner Schwester, die kleinen Gesten, die mir zuvor nie aufgefallen waren. Jedes Wort passte zur Situation – leise oder laut, fröhlich oder nachdenklich. Alles wirkte lebendig, echt – und doch wie eine Aufführung.
Theaterstücke brauchen Mut, harte Arbeit und unzählige Proben, um lebendig zu wirken. Und doch merken wir oft nicht, wie viel davon in jedem Moment unseres Lebens steckt. Die Welt ist eine Bühne, und jeder Mensch ist ein Schauspieler. Auf seiner eigenen Bühne ist er der Protagonist – und alles, was er tut, wird Teil seiner Geschichte.

